Das virtuelle Kraftwerk als Linearkombination vertraglich zugesagter Energiewandeloptionen

Gunnar KaestleUnter dem Begriff eines „virtuellen Kraftwerkes“ wird üblicherweise ein Netzwerk dezentraler Erzeugungsanlagen für elektrische Energie verstanden, das durch eine konzertierte Kooperation in der Lage ist, disponible Leistung aus Großkraftwerken zu substituieren [1]. Ein virtuelles Kraftwerk kann jedoch viel mehr leisten. So können bestimmte Energieformen (Gas, Strom, Wärme) in definierten Verhältnissen ineinander überführt werden. Die verschiedenen Möglichkeiten der Energiewandlung innerhalb eines flexiblen KWK-Systems mit Wärmespeicher und Elektroheizer können funktional getrennt und als Linearkombinationen betrachtet werden, die mit hoher Flexibilität auf die spezifischen Abnehmerbedürfnisse eingehen können.

1. Das Heizkraftwerk als flexible Energiezentrale
In den vergangenen Jahren hat sich mit den Erfahrungen aus dem vorreiterland Dänemark die Erkenntnis durchgesetzt, dass Heizkraftwerke eine besonders günstig zu erschließende Flexibilisierungsoption darstellen. Ein erster Schritt in Richtung stromoptimierter Fahrweise ist der Zubau eines Wärmespeichers. Dies wird seit der Novelle des Kraft-Wärme-Kopplungsgesetzes von Juli 2012 auch finanziell unterstützt. Mittlerweile sind in Deutschland zahlreiche Fernwärmespeicherprojekte in Planung, welche der Entkopplung von Strom- und Wärmeproduktion dienen.

Weiterhin wurden Stromwärmeanwendungen in KWK-Systeme integriert. Dies sind zum einen kompakte Elektrodenkessel im Multi-MW-Segment [2] als Spitzenlastaggregate und zum anderen Großwärmepumpen [3] als E-Heizer vom effizienteren, aber kapitalintensiveren Grundlasttyp. Die Kombination der Umwandlung „Power-to-Heat“ mit „Gas-to-Heat & Power“ in bivalenten Heizsystemen erlaubt es, flexibel auf Überschuss- und Mangelsituationen von Elektroenergie einzugehen. Im Gegensatz zu Nachtspeicherheizungen und univalenten Heizsystemen auf Wärmepumpenbasis ist man im Rahmen einer Kältewelle nicht gezwungen (vgl. mit dem Februar 2012), die Elektrowärmeanwendung zu nutzen, sondern kann zwischen stromverbrauchender und stromerzeugender Betriebsweise wechseln. Dies erhöht den Umfang der Filterwirkung eines KWK-Systems bzgl. der fluktuierenden Restlast und verbessert die Flexibilität des Gesamtsystems.

Schema eines KWK-Systems

Flexibles KWK-System mit Wandeloptionen zwischen chemischer, elektrischer und thermischer Energie sowie einem zentralen Speicher für Wärmeenergie.

Ein flexibles KWK-System folgt einem funktionalen Schema: Der Brennstoff (bei modernen Anlagen überwiegend Erdgas oder Biogas) wird in der KWK-Anwendung im Kuppelprozess in Wärme und Strom gewandelt. Alternativ kann über einen Zusatzbrenner auch nur Wärme erzeugt werden oder über ein reines Stromaggregat nur elektrische Energie. Zusätzlich ist die elektrische Seite über einen Elektroheizer mit der thermischen Seite verbunden. Ein Wärmespeicher rundet die Energiedrehscheibe (engl. Energy Hub [4]) ab. Auf der Stromseite kann somit situationsbedingt entweder Energie ins Netz abgegeben oder aufgenommen werden.

Diese Energiewandlungsmöglichkeiten lassen sich in einer ersten Näherung als lineares Gleichungssystem festhalten. Im Folgenden soll gezeigt werden, wie man aus diesem Gleichungssystem virtuelle Kraftwerksscheiben gemäß Kundenanforderung heraustrennen kann, die sich funktional von der realen Anlage deutlich unterscheiden.

2. Die reale Anlage
An zwei Beispielen soll die Energiewandlung im gekoppelten KWK-Prozess verdeutlicht werden. Zum einen betrifft es eine KWK-Anlage mit einer flexiblen Kuppelproduktion per Entnahmedampfturbine im Gas-und-Dampf-Prozess (GuD). Zum anderen wird ein Blockheizkraftwerk (BHKW) als Beispiel der starren Kuppelproduktion vorgestellt, wie man es im Größensegment von einigen hundert kW antrifft. Zur besseren Lesbarkeit wird in Abweichung zur wissenschaftlichen Nomenklatur die Energieeinheit Gas mit G, Wärme mit W und Elektroenergie mit E abgekürzt.

2.1 GuD-Kraftwerk
Ein mittelgroßes GuD-Kraftwerk habe einen Wirkungsgrad von 55 % im reinen Kondensationsbetrieb. Im Heiz-betrieb betrage der elektrische Wirkungsgrad 50% und die thermische Auskopplung 30%, was einer Stromverlustkennziffer von 1/6 entspricht.

KWK-Anlage 1 (GuD)
100 G = 50 E + 30 W         (1)

Kondensationsbetrieb
100 G = 55 E                    (2)

2.2 Blockheizkraftwerk
Ein Blockheizkraftwerk in der Sub-MW-Klasse habe einen elektrischen Wirkungsgrad von 40% und einen thermischen Wirkungsgrad von 50%. Der höhere Gesamtwirkungsgrad wird deswegen angenommen, weil von einer Optimierung der Rücklauftemperaturen in einem kleineren Versorgungsbezirk ausgegangen wird, so dass auch Brennwertnutzung möglich ist.

KWK-Anlage 2 (BHKW)
100 G = 40 E + 50 W        (3)

2.3 Zusatzkessel
Für Spitzenlastzwecke und als Backup-Wärmeerzeuger im Falle des KWK-Anlagenausfalls, wird ein Heizwerk mit einem Wirkungsgrad von 90% angenommen.

Gaskessel
100 G = 90 W                 (4)

2.4 Elektroheizer
Wie schon oben erwähnt, besteht die Möglichkeit per E-Heizer Überschussstrom in Wärme zu wandeln, der ansonsten aus Netzsicht abgeregelt werden müsste. Alternativ besteht auch die Möglichkeit, eine Großwärmepumpe im Sinne eines effizienteren, aber teureren Grundlastaggregates einzusetzen. Dies wird in diesem Beitrag aber nicht näher vertieft.

Elektroheizer
100 E = 100 W                (5)

3. Das virtuelle Werk
Im Gegensatz zur real vorhandenen Anlagentechnik kann vertraglich ein anderes Energieaustauschverhältnis vereinbart werden, das sich auf andere Kennwerte bezieht.

3.1 Virtuelle Kraftwerksscheibe
Ähnlich wie in großen GuD-Kraftwerken zur reinen Stromerzeugung kann eine Verstromung von Erdgas mit einem Wirkungsgrad von 60% vereinbart werden, d.h. der Kunde des Energy Hub kann 100 Einheiten Gas gegen 60 Einheiten Elektroenergie tauschen. Wirkungsgrade mit Exergiezugewinnen jenseits des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik sind zu vermeiden.

100 G = 60 E               (6)

3.2 Virtuelle Kesselanlage
Weiterhin ist es möglich, in einer virtuellen Kesselanlage Erdgas ohne Verluste in Wärme zu wandeln. Dies ist in der Realität schwierig, da zusätzliche Kondensationsgewinne per Brennwerttechnik in Großkesseln zur Versorgung ausgedehnte Wärmenetze aufgrund höherer Rücklauftemperaturen nicht anfallen.

100 G = 100 W            (7)

3.3 Virtuelle Elektrolyse
Ebenfalls kann im Energy Hub eine Stromvergasung vereinbart werden, d.h. das Wandlungsrecht von Strom in Methan mit einem technisch unüblich hohen Umwandlungsgrad von 75%.

100 E = 75 G              (8)

3.4 Linearkombination im virtuellen Kraftwerk
Die Vertragsverhältnisse nach Gleichungen (6)-(7) lassen sich als Linearkombination der Realoptionen unter Gleichungen (1)-(5) rekonstruieren. Hierbei sind energetische Überschüsse generierbar, obwohl die virtuellen Anlagenscheiben der Abschnitte 3.1-3.3, die aus einem realen KWK-System herausgeschnitten werden, für sich genommen auch schon attraktive Wechseloptionen darstellen.

3.4.1 Beispiele
Der reale KWK-Betrieb nach Gleichung (1) bei gleichzeitigem Angebot von reiner Strom- (6) und Wärme-Option (7) im richtigen Verhältnis lässt einen Überschuss an Brenngas entstehen, der bilanziell ins Erdgasnetz eingespeist werden kann.

+120 G = +60 E +36 W     +1,2 x        (1)
-100 G  = -60 E                 -1 x           (6)
-36 G    =           -36 W     -0,36 x       (7)
-16 G    = 0 E    + 0 W                       (Summe)

Alternativ kann zu einer realen Elektrolyse der Elektroheizer als virtueller Elektrolyseur (8) angeboten werden. Neben der realen Wandlung von Strom in Wärme (5) wird die Dienstleistung der virtuellen Kesselanlage (7) in Anspruch genommen. In Summe wird elektrische Energie aufgenommen und bilanziell ein Gasüberschuss erzielt.

+100 E             +100 W    +1 x             (5)
-100 E  = -75 G                 -1 x             (8)
-100 G =           -100 W    -1 x             (7)
-25 G   =           0 W                          (Summe)

Auch das BHKW nach Gl (3) kann real genutzt werden, um eine virtuelle KWK-Scheibe (1) an einer Anlage mit größerem elektrischen Wirkungsgrad zu emulieren. Gleichzeitig wird dabei die virtuelle Kesselanlage (7) und die Elektrolyse (8) gebucht.

+100 G  = +40 E   +50 W     +1 x        (3)
-100 G  = -50 E    -30 W      -1 x        (1)
-20 G    =             -20 W      -0,2 x     (7)
-10 E     = -7,5 G                -0,1 x      (8)
-13,5 G = 0 E     + 0 W                    (Summe)

3.4.2 Intertemporale Abrechnung
Die Abrechnung zwischen den Kundenbuchungen auf dem Energy Hub des virtuellen Kraftwerks sowie der real durchgeführten Energiewandlungen des Betreibers erfolgt über virtuelle Zählpunkte. Dabei ist darauf zu achten, dass ein Abruf einer Energiewandlung vertraglich so zu regeln ist, dass eine Wandlung nur erfolgen kann, wenn das jeweilige Energiekonto des Edukts bilanziell gedeckt ist. Ein realer Energiespeicher steht zum einen im Rahmen des Wärmeenergiespeichers und zum anderen in Form der disponibel abrufbaren Brennstoffwärmeleistung des Gasnetzes zur Verfügung.

4. Exergetische Bewertung der Energieflüsse
Das kurios anmutende Ergebnis, dass man mit einem Heizkraftwerk Brenngas einspeisen kann, wenn man die Produkte dieser KWK-Anlage analog einem Betriebsführungscontracting bzw. einer Lohnverstromung über ein virtuelles Werk zur ungekoppelten Wärme- und Stromerzeugung vermarktet, lässt sich mittels der exergetischen Vorteile der Kraft-Wärme-Kopplung erläutern.

4.1 Carnot-Methode zur Allokation des Brennstoffinputs
Die Kuppelproduktion, d.h. die Erstellung zweier Güter A und B in einem gemeinsamen Prozess, ist an sich eine nicht mathematisch zu lösende betriebswirtschaftliche Aufgabe in der Kosten- und Leistungsrechnung. Bekannte Inputfaktoren fI müssen auf die Outputfaktoren fA und fB in einer Gleichung mit zwei Unbekannten umgelegt werden. Hier bleibt immer ein gewisser Grad Beliebigkeit zurück, weil man die Aufteilung des Inputs I auf die Produkte A und B frei wählen kann.

Σ (fI x Input I) = fA x Output A + fB x Output B        (9)

Allerdings gibt es bei Energieprodukten eine Ausnahme, da der Output einer KWK-Anlage in Form von Strom und Wärme ineinander überführbar ist. Hierzu benutzt man in der Regel den Carnot’schen Wirkungsgrad zur Bewertung des Exergiegehaltes der Wärme (η = 1 – TU/TO). Dies ermöglicht mit dem ersten und zweiten Hauptsatz der Thermodynamik als Grundlage die Lösung des Kuppelproduktionsproblems für die KWK. Vgl. [5], S. 176: „The author feels that the exergy-based method is the most meaningful and accurate of the methods“.

Alefeld [6] kritisiert, dass die „für ökonomischen Be-wertungen verwendeten thermodynamischen Relationen … keinesfalls im Widerspruch zu den Hauptsätzen der Thermodynamik stehen“ (S. 231) sollten. Er stellt richtig fest, aus den Wirtschaftswissenschaften sei bekannt, das „Grenzwertbetrachtungen häufig aussagekräftiger sind als Angaben über Mittelwerte“ (S. 236).

Der Gedanke Alefelds führt zu der Überlegung, dass ein infinitissimaler Anstieg aus der ausgekoppelten Heizleistung Q’ einer Entnahmedampfturbine gleich zu bewerten sei wie der daraus resultierende marginale Abfall der erzeugten elektrischen Leistung P. Dies entspricht der sog. Dresdner Methode [7] bzw. der Rechnung mit Stromverlustkennziffer [8] über den Anlagenwirkungsgrad. Gleichermaßen kann man diesen Gedankenansatz nicht nur bei Entnahmedampfturbinen wählen, sondern auch bei KWK-Anlagen mit fixem Koppelverhältnis. Hier ist das Gedankenexperiment einer Nachverstromung der Heizwärme (z.B. per ORC-Prozess) zu wählen.

Die Vernachlässigung des Gütegrades der technischen Anlage und die Konzentration rein auf den Exergiegehalt nach Carnot hat den Vorteil, dass man für die Bewertung nur die Parameter der ausgekoppelten Nutzwärme braucht. Willkürlich festgesetzte Pauschalwerte zur allgemeinen Abschätzung einer nicht näher definierten technischen Umsetzung werden nicht benötigt.

4.2 Exergetische Bewertung der KWK
Die Kraft-Wärme-Kopplung hat gegenüber der ungekoppelten Erzeugung von Strom und Wärme teils energetische, teils exergetische Vorteile. Im Vergleich zur reinen Stromerzeugung aus chemischen Brennstoffen in thermischen Kraftwerken hat die Nutzung der Abwärme vor allem energetische Vorteile. Im Gegensatz zu durchschnittlichen Wirkungsgraden im Kraftwerkspark von 40% bis zu Spitzenwerten von 60% bei modernen GuD-Anlagen liegt die Brennstoffausnutzung bei KWK-Anlagen bei maximal 80-90%, sofern eine Brennwertnutzung bei kleineren Systemen möglich ist.

Gegenüber einem guten Brennwertkessel hat die KWK keine energetischen Vorteile, aber die Exergieverluste bei der Bereitstellung von thermischer Nutzenergie aus Brennstoffen sind geringer. Hier kann die KWK davon profitieren, dass neben der bereitgestellten Niedertemperaturwärme mit geringem Exergiegehalt auch elektrische Energie mit einem Exergiefaktor von 1 erzeugt wird.

4.3 Exergetische Beispielrechnungen
In diesem Abschnitt werden die in Absätzen 2 und 3 vor-gestellten Beispiele anhand der exergetischen Bilanz bewertet. Der Brennstoff geht mit einem Exergiefaktor von 1 in die Rechnung ein, die elektrische Energie ebenfalls. Nutzwärme wird über den Carnot’schen Wirkungsgrad bewertet. Im Beispiel wurde eine Vorlauftemperatur von TO=110 °C und eine Umgebungstemperatur während der Heizperiode von TU=0 °C gewählt. Damit ergibt sich ein Exergiefaktor für den Wärmestrom von 0,29. „Exergieeinheiten“ werden mit X abgekürzt. Je mehr Exergie in der Energiewandlung verloren geht, desto stärker ist der Prozess irreversibel.

4.3.1 GuD-Kraftwerk
Im KWK-Betrieb des oben genannten Beispiels werden 100 Exergieeinheiten in 58,7 gewandelt, wohingegen im Kondensationsbetrieb nur 55 Einheiten übrig bleiben.

100 G * 1 X/G = 100 X
⇒ 50 E * 1 X/E + 30 W * 0,29 X/W = 58,7 X        (9)
100 G * 1 X/G = 100 X
⇒ 55 E * 1 X/E + 0 W * 0,29 X/W = 55 X        (10)

4.3.2 Blockheizkraftwerk
Trotz des höheren Gesamtwirkungsgrades aufgrund der Annahme einer Brennwertnutzung liegt das BHKW leicht unter dem exergetischen Wirkungsgrad der GuD-Anlage.

100 G * 1 X/G = 100 X
⇒ 40 E * 1 X/E + 50 W * 0,29 X/W = 54,5 X        (11)

4.3.3 Heizwerk / Gaskessel
Der klassische Gaskessel für Niedertemperaturwärme ist ein großes exergetisches Verlustgeschäft.

100 G * 1 X/G = 100 X
⇒ 90 W * 0,29 X/W = 26,1 X        (12)

4.3.4 Elektroheizer
Der Elektroheizer ist ähnlich verlustbehaftet wie der Gaskessel, hat aber keine Abgasverluste. Wird wie im Wärmetrans-Konzept [3] eine HT-Wärmepumpe mit einem COP von 3 zur Temperaturanhebung des Vorlaufs genutzt, verringern sich die exergetischen Verluste.

100 E * 1 X/E = 100 X
⇒100 W * 0,29 X/W = 29 X        (13)

4.3.5 Virtuelle Kraftwerksanlage
Das virtuelle Kraftwerk entspricht den Top-Runner-Ansatz modernster GuD-Technik und kann innerhalb einer KWK-Scheibe vertraglich abgebildet werden.

100 G * 1 X/G = 100 X
⇒ 60 E * 1 X/E = 60 X        (13)

4.3.6 Virtuelle Kesselanlage
Der virtuelle Kessel ist besser als sein reales Gegenstück, aber nach wie vor eine Exergiesenke. Die Wirkungsgrade lassen sich im Sinne einer gasbetriebenen Wärmepumpe bzw. der Kombination von BHKW & Wärmepumpe wie in [3] weiter erhöhen und die exergetischen Verluste verringern.

100 G * 1 X/G = 100 X
⇒100 W * 0,29 X/W = 29 X        (14)

4.3.7 Virtuelle Elektrolyse
Der virtuelle Elektrolyseur incl. Methanisierung zeigt gegenüber der realen Anlage bessere Werte. Die Energie-wandlung hat vertretbare Verluste.

100 E * 1 X/E = 100 X
⇒ 75 G * 1 X/G = 75 X        (15)

4.3.8 Beispiele
Die Überschüsse in der Kombination von KWK-Anlage zusammen mit vertraglich vereinbarten Energiewandeloptionen ungekoppelter Art, die in ihrer virtuellen Ausprägung eine leicht bessere Alternative zur realen Anlage bieten, sind überwiegend durch die Vermeidung des einfachen Verheizens von Brennstoffen zu begründen. Die virtuelle Kesselanlage hat zwar einen Wirkungsgrad von 100%, dient aber zur Entropieaufnahme innerhalb des vertraglich konstruierten virtuellen Kraftwerks. Die Bereitstellung von Wärme und der energetisch Ausgleich über eine Beistellung von Erdgas ist exergetisch gesehen sehr attraktiv.

120 X ⇒ 60 X +10,44 X 1,2 x        (9)
100 X ⇐ 60 X -1 x                        (13)
36 X ⇐ 10,44 W -0,36 x               (14)

4.3.9 Ökonomische Aspekte
Virtuelle Kesselanlagen könnten ähnlich wie gasmotorische Wärmepumpen auch mit einem Wirkungsgrad über 1 betrieben werden. Hierzu ist es auf ökonomischer Seite überlegenswert, unterschiedliche Effizienzen vertraglich vereinbarter Energiewandeloptionen gleicher Art über einen Leistungspreis oder eine Bearbeitungsgebühr zu differenzieren. Letztere dienen dazu, die Fix- und Betriebskosten der realen Anlage zu refinanzieren. Die funktionale Scheibe innerhalb der Energiezentrale vermag als Energiewandeloptionen die variablen Kosten für den Energieeinsatz abbilden. Die Fixkosten zur Vorhaltung der Leistung müssten über eine Stillhalteprämie gedeckt werden.

5. Ausblick auf Anwendungsfälle
In der chemischen Industrie und anderen Branchen mit hohem Prozesswärmebedarf sind gemeinschaftlich genutzte Heizkraftwerke eines Gewerbegebiets geübte Praxis. Hierbei übernehmen die Nutzer der Endenergien das anteilige Eigentum und auch das unternehmerische Risiko beim Betrieb der Anlage.

Bei kommunalen Heizkraftwerken wird in der Regel das Endenergieprodukt vertrieben. Die kleinteilige Abnehmerstruktur sowie das unterschiedliche Verhältnis von Strom- zu Wärmebedarf macht es in der Regel schwer, ein ähnliches Vertragskonstrukt aufzubauen wie mit wenigen, einzelnen Endenergienutzern.

Die aktuelle Gesetzeslage lässt es jedoch nach § 37 III EEG prinzipiell zu, dass auch bisherige Endkunden für Strom und Wärme von Stadtwerken mit KWK-Kapazitäten, kleinere Anteile an den Erzeugungsanlagen übernehmen und mit der Betriebsführung den bisherigen Eigentümer beauftragen. Dieses der Genossenschaft ähnliche Konzept ist z. B. von den Volks- und Raiffeisenbanken bekannt.

Eine Aufteilung der Kapazität eines flexiblen KWK-Systems bestehend aus Heizkraftwerk, Wärmespeicher und E-Heizer nicht nur in reine KWK-Scheiben, sondern auch in eine Stromscheibe oder eine Kesselscheibe gemäß den vorangegangenen Ausführungen ermöglicht es, mit höherer Flexibilität auf die spezifischen Abnehmerbedürfnisse und deren individuelle Strom- und Wärme-nachfrage einzugehen. Damit lässt sich das KWK-System als Dienstleistungsknoten zur Energiewandlung, der an drei verschiedene Energienetze angebunden ist, auch von jenen Verbrauchern nutzen, die überwiegend nur an einer Endenergie Interesse haben.

Die Kraft-Wärme-Kopplung als hocheffiziente Energiewandlung mit langzeitspeicherfähigen Brennstoffen fossiler oder auch biogener Herkunft kann im Rahmen der Energiewende eine Kapazitätsreserve steuerbarer Kraftwerksleistung darstellen. Hierzu müssen auch heute Geschäftsmodelle gefunden werden, die einen wirtschaftlichen Betrieb erlauben und Anreize zum Zubau vermitteln. Neben dem KWK-Gesetz war in der jüngeren Vergangenheit vor allem der Eigenverbrauch in Gewerbe und Industrie ein starker Antrieb pro KWK.

Als Eigenerzeugungsanlage, die im räumlichen Zusammenhang die Eigentümer mit Strom und Wärme versorgt, können regionale Wirtschaftskreisläufe geschlossen werden. Unter Einbeziehung fluktuierender, nicht steuerbarer Einspeiser von erneuerbaren Energien (Wind, PV) auf lokaler Ebene kann das Flexibilisierungspotential von KWK-Anlagen genutzt werden, um das Übertragungsnetz zu entlasten. Hierzu müssen im Rahmen regionaler Bilanzkreise Anreize geschaffen werden, einen Ausgleich im räumlichen Zusammenhang von EE- und KWK-Anlagen zu realisieren.

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Über den Autor
Gunnar Kaestle studierte an der Universität Karlsruhe (TH) Wirtschaftsingenieurwesen. Danach begann er eine Promotion am Institut für Elektrische Energietechnik und Energiesysteme der TU Clausthal. Seine Forschungsinteressen umfassen virtuelle Kraftwerke, Kraft-Wärme-Kopplung, verteilte Energiesysteme und die Normungsarbeit. Er war an der Lösung des sogenannten 50,2 Hz Problems beteiligt. Aktuell arbeitet er an einem Projekt, dass die Netzparameter Frequenz und Spannung als Kommunikationskanal für Elektrofahrzeuge nutzt und engagiert sich im wissenschaftlichen Beirat des BHKW-Forum e.V.

Literatur
[1] Bert Droste-Franke, Holger Berg, Annette Kötter, Jörg Krüger, Karsten Mause, Johann-Christian Pielow, Ingo Romey, Thomas Ziesemer: Brennstoffzellen und Virtuelle Kraftwerke – Energie-, umwelt- und technologiepolitische Aspekte einer effizienten Hausenergieversorgung. Springer Verlag, Berlin & Heidelberg, 2009
[2] Claus Hartmann: Flexibilisierung und strommarkt-orientierte Einsatzplanung des Heizkraftwerks Flensburg. Ver.di-Forum, Hamburg, 18.04.2012
[3] Jan Mühlstein: Patent für Energieeffizienz – BHKW des Monats. Energie & Management, Herrsching, 15.05.2007
[4] Martin Geidl, Gaudenz Koeppel, Patrick Favre-Perrod, Bernd Klöckl, Göran Andersson, Klaus Fröhlich: Energy Hubs for the Future. IEEE Power & Energy Magazine, Vol 5, No 1, 2007
[5] Marc Rosen: Allocating carbon dioxide emissions from cogeneration systems: descriptions of selected output-based methods. Journal of Cleaner Production, Vol. 16 Issue 2, January 2008, S. 171–177
[6] Georg Alefeld: Zur Bewertung von Heizkraftwerken. Brennstoff Wärme Kraft. Bd. 40 Nr. 6, 1988, S. 231-236
[7] Joachim Zschernig, Thomas Sander: Bewertung von Anlagen zur Kraft-Wärme-Kopplung. Wissenschaftliche Zeitschrift der Technischen Universität Dresden, Jg. 56, Heft 3 – 4, 2007, S. 89-94
[8] Christoph Kail, Georg Haberberger: Kenngrößen zur optimalen Auslegung großer KWK-Anlagen. VDI-Berichte Nr. 1594: Fortschrittliche Energiewandlung und -anwendung, 2001, S. 99 – 112

 

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